DER HUND – DER GEFÜHRT WIRD #4

Juli 26, 2019

DER HUND – DER GEFÜHRT WIRD #4

SYMBOLBEDEUTUNG IN DER HUNDEWELT

Hunde benutzen Symbole zur Kommunikationsaufforderung und zur Vermittlung eigener Ideen gegenüber anderen Hunden. Die Verwendung klar definierter Inhalte wird von jedem Hund unmittelbar verstanden.

Instinktiver Wortschatz

Es gibt eine Gruppe von Symbolen, deren Verwendung in Kommunikationsprozessen beim Hund a priori angelegt ist und nicht erst erlernt werden muss – sozusagen ein instinktiver „Wortschatz“. Diese Symbole haben ursprünglich eine feste Bedeutung und sind zunächst einem ganz bestimmten Funktionskreis zugeordnet. Alle Hunde müssen darauf nach einem ganz spezifischen Schema reagieren, sie haben also keine Wahlmöglichkeit. Die Verwendung dieser Symbole wird von jedem Hund unmittelbar verstanden.

Auch wir Menschen können diese Symbole bewusst wahrnehmen und gemäß ihrem Bedeutungsinhalt mit Hunden auf dieser Ebene soziale Übereinkünfte treffen. Diese Übereinkünfte über Symbole greifen um ein Vielfaches schneller und tiefer als antrainierte Verhaltensmuster.

Ersatzbeute als Kommunikationsaufforderung

Hunde benutzen Ersatzbeute mit symbolischem Charakter als Kommunikationsaufforderung und versuchen damit, ritualisiert Übereinkünfte für das soziale Zusammenleben der Gruppe zu treffen.

Ein Beispiel: Über das „Imponiertragen eines Stöckchens im Fang“ vor anderen Hunden, kommuniziert ein Hund grundsätzlich seine Motivation, Übereinkünfte treffen zu wollen. Das Stöckchen im Fang ist ein Symbol für Beute und leitet ein Interaktionsspielmuster ein. Das Symbol „Stöckchen im Fang“ kann dabei unterschiedlichste Themen behandeln.

In erster Linie kommt Ersatzbeute als Aufforderungssignal bezüglich eines Abgleichs im Bereich der Ressourcenteilung zur Anwendung. Ein Sichabgleichen über Ersatzbeute bietet nämlich den Vorteil, dass man diese rechtzeitig überlassen kann und somit ein Kräftemessen über direkten Körperkontakt vermeidbar wird. Das Überlassen der Beute schließt überdies ein Partizipieren am Territorium nicht aus. Im Gegenteil, dadurch schaffen die Hunde nicht selten die Voraussetzung für ein weiteres vertrauensvolles Miteinander.

Imponiertragen unter Hunden

Zeigt ein Hund Imponiertragen oder Imponierkauen, fühlt ein Artgenosse sich in aller Regel dazu aufgefordert, sich aktiv mit seinem Gegenüber zu beschäftigen. Er wird dieses Verhalten zu allererst als Aufforderung für einen sozialen Abgleich oder der Übermittlung einer Idee zuordnen. Er wird hinterfragen, was sein Gegenüber ihm versucht zu vermitteln. Genau das wollte der Stöckchen tragende Hund erreichen.

Imponiertragen gegenüber Menschen

Fatalerweise greift der Hund gerade auf diesen Bereich zurück, wenn für ihn innerhalb der bestehenden Mensch-Hund-Beziehung kein nachvollziehbares Regelwerk erkennbar ist. Wenn der Hund beim Abgeben von Beute kontert, imponierend seinen Besitzer umrundet, oder auf der Beute herumkaut, er also seine körperliche Fitness zur Schau stellt und seine mentale Stärke präsentiert, sollte immer hinterfragt werden: Liegt diesem Verhalten spielerischer Übermut zu Grunde oder besteht nicht doch eine gewisse Unstimmigkeit bezüglich der Übermittlung und Akzeptanz eines vom Hundehalter angedachten Regelwerks? Das Nicht-Erkennen dieses kommunikativen Hilferufs bewirkt in Folge, dass der Hund nach und nach seine hündischen Kommunikationsangebote gegenüber seinem Menschen einstellt. Deshalb sollte im Bereich Ersatzbeute lieber auf unbedachte Zerrspiele und exzessives Werfen von Gegenständen verzichtet werden. Hunde bleiben kommunikationsfähiger, wenn im Beutebereich die Kommunikation im Vordergrund steht. Bringen und Tauschen statt Imponiertragen, die Beute anzeigen statt um sie zu kämpfen und dabei zu kontern.

Erlernte Symbole

Es gibt auch Symbole, die durch Erfahrungen und Einsicht entstehen. Ein Beispiel: Der Hund soll eine Fährte ausarbeiten. Benutzt der Mensch bei solchen Aufgabestellungen immer die gleiche Leine und dazu immer dasselbe Halsband, dann wird diese spezielle Halsung samt Leine zu einem Symbol für diese spannende Aufgabe. Dieses Symbol wurde durch entsprechende Erfahrungen erlernt und festigt sich durch Wiederholungen. Die immer wiederkehrende, nahezu identische Verwendung dieses Symbols grenzt den Bedeutungsinhalt immer genauer ein.

Ein weiteres Beispiel: Eines der ersten Symbole, die ich im Rahmen der Hundeausbildung vermitteln will, ist das Symbol für Ruhe (dies können Sie genauer in unserem Buch nachlesen). Der Hund ist angeleint, die Leine liegt auf dem Boden und ich stelle ent- spannt meinen Fuß darauf. Meine Passivität signalisiert dem Hund, dass jetzt Ruhe angesagt ist. Im Laufe der Zeit wird der auf den Boden durchhängenden Leine der Bedeutungsinhalt „Ruhe“ zugeordnet. Diese Erfahrung wird der Hund dann generalisieren und damit auch die Bedeutung dieses Symbols. Macht der Mensch sich Symbole auf diese Weise zunutze, kann der Hund sich mental auf das künftig zu Erwartende einstellen und er gewinnt an Selbstsicherheit. Dieser Aspekt, exakte Kommunikation mit der Bestätigung einer Erwartungshaltung, macht den Menschen als Sozialpartner für den Hund verlässlich. Genau in diesem Sinne findet die Leine innerhalb meiner Erziehungsmethode Verwendung.

Generalisierte Symbole

Symbole, die sich generalisieren lassen, sind bei der Führung von Hunden von großem Vorteil. Ein generalisiertes Symbol kann vom Hund in unterschiedlichen Zusammenhängen seinem Bedeutungsinhalt entsprechend zugeordnet werden und löst damit bei ihm eine diesbezügliche Reaktion aus.

Ein Beispiel: Sie gehen mit Ihrem angeleinten Hund spazieren. Der Hund läuft plötzlich los, dabei gleitet Ihnen die Leine aus der Hand und fällt zu Boden. Die zu Boden fallende Leine hemmt ihn in seinem Bewegungsdrang, da ja die Leine am Boden Ruhe bedeutet (dies können Sie ebenfalls in unserem Buch genauer nachlesen). Wenn Sie in dieser Situation noch auf ein lautes „Stopp“ als Symbol für einen Verhaltensabbruch zurück greifen können, wird der Hund in zweifacher Weise gezügelt: Das Symbol „scharf gesprochenes Stopp“ codiert für Verhaltensabbruch, und das Symbol „Leine auf dem Boden“ codiert für Ruhe. Symbolbedeutungen können also nicht nur generalisiert zum Einsatz kommen, sondern sich auch ergänzen und dadurch wechselseitig verstärken.

 

Das zugehörige Buch „Der Hund an der Leine“ ist in unserem Shop erhältlich.

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